Wurzeln des Karnevals

Die Wurzeln des Karnevals

nebelwaldIn grauer Vorzeit

Anfang und Ende der dunklen Jahreszeit waren den Menschen in unseren Breiten immer sehr wichtige Zeiten:
Nach altem Glauben hatten jedes Tier, jeder Baum, jeder Strauch, jeder Fluss seine eigene Seele. Diese konnte sich nach dem Tod des Trägers im Rahmen der Dunkelheit frei in ihrem gewohnten Revier bewegen (ausgenommen Opfertote).
Die Macht der Seelen der Toten war also in der dunklen Jahreszeit am größten; deshalb wuchs zu dieser Zeit kaum noch pflanzliche Nahrung.

In der Nacht zum 7. November wurde den Seelen der Ahnen heimgeleuchtet, damit sie draußen nicht so frieren brauchten, aber auch, damit sie besser unter Kontrolle waren.
Dieses keltische Neujahrsfest wurde von den Christen in mehrere Feste aufgespalten:
in Allerheiligen, Allerseelen, St. Martin und den 11.11. mit ihren diversen Kerzen- und Opferbräuchen (z.B. Martinsgans).
Die Iren und in ihrer Folge die US-Amerikaner, besonders ihre Kinder, feiern den Vorabend von Allerheiligen: Halloween. Dieser Brauch etabliert sich mittlerweile auch immer mehr im Rheinland.

Um den hellen Teil des Jahres wieder beginnen zu lassen, wurden die Geister in der Nacht zum 4. Februar wieder aus dem Haus getrieben.
Auch dieses Fest haben die Christen aufgespalten:
in Maria Lichtmeß, Blasiussegen und Fastelovend, wieder mit diversen Kerzen- (Blasius) und Opferbräuchen (Nubbel). Weil die Geister gern ihre Ruhe haben, wurden sie mit viel Lärm vertrieben: Rummelspott, dicke Trumm, Sambagruppen und ähnliches wurden eingesetzt.

Nach alter Logik muß Gleiches mit Gleichem gebannt werden, daher wurden die Geister verjagt, indem man sie darstellte:
böse Geister wurden als böse und häßliche Masken dargestellt, die Armut wurde in zerschlissenen, dreckelijen Fetzen dargestellt, Politiker einigermaßen naturgetreu oder noch fieser,
und das alles zu der den Geistern gemäßen Tageszeit: im Dunklen.

romneum - Wurzeln des KarnevalsEs ist eine Mär, dass der rheinische Karneval seine Wurzeln in den römischen Saturnalien und den griechischen Bacchanalien hätte.
Die Verbindung zu den Saturnalien wurde erst im Mittelalter hergestellt, als es in Köln Mode war, trotz nicht vorhandener Quellenlage den eigenen Stammbaum bis in römische Zeiten zu erstellen.
Da dem Klerus das recht freizügige mittelalterliche Karnevalstreiben ein Dorn im Auge war, wurde das Fest als „Bacchanalien“ beschimpft.

Mittelalterliche Winterarbeitslosigkeit = Karneval

Masken- und Bettelumzüge gab es im Mittelalter von November bis mindestens Fastelovend, einer der Höhepunkte waren die zwölf Rauhnächte zwischen den Jahren.
Die mystischen Aspekte bei dem Treiben und Vertreiben waren zwar sehr wichtig, aber nicht alles:
Der ganze Winter war nämlich Fest der Arbeitslosen.
Nicht nur Fest, denn mancher von ihner erfror oder verhungerte.
Auf St. Martin war das bäuerliche Jahr vorbei, die meisten Knechte und Mägde wurden entlassen, Handwerksgesellen genauso. Bis zur Wiederaufnahme der Arbeit nach St. Blasius mußten sie betteln gehen.
Oft dauerte es bis März/ April, bis der Boden endlich aufgetaut war und es wieder Arbeit gab.
Viele wollten beim Betteln nicht erkannt werden und zogen deshalb die ganze Zeit Masken über.
Wer am 1. April noch die Maske aufhatte, wurde in den April geschickt.

Der Fastelovend war ein wildes Fest, das nachts durch Straßen und Häuser tobte.
Für die jeweilige Obrigkeit unkontrollierbar. Immer wieder wurde während des Festes sozialer Unmut abreagiert, es gab dann Vermummungsverbote und auch Verbote des ganzen Festes, die nie lange eingehalten wurden.

geister1840mDer bürgerliche Karneval ab 1823

Damit der Karneval durch die Preußen genehmigt werden konnte, wurden 1823 die sozialen und mystischen Wurzeln fortretouchiert.
Man setzte nicht mehr auf Verbote, sondern versuchte, das Fest in kontrollierbarere Formen zu lenken.
Umzüge wurden nun tagsüber abgehalten.
Der größte davon montags, dem traditionellen Ausruhtag zwischen den Feiern von Samstag auf Sonntag und denen dienstags.

Um das einfache Volk bei der Stange zu halten, wurde ihm als Reminiszenz an den alten Fastelovend ein Zug im Dunklen samstagabends zugestanden.
Einen ähnlichen, gut organisierten Geisterzug gibt es heute noch in Blankenheim in der Eifel.

Erst 1858, als alle noch aus der 48er Revolution übriggebliebenen Reformansätze unterdrückt waren, gelang es den Karnevalsoffiziellen, auch die Geisterzüge unter ihre Fuchtel zu bekommen.
Diese wurden fortan von den Karnevalsgesellschaften organisiert und zum Rekruteneinzug der Funken umfunktioniert.
Die Kölschen und die Funken und der Antimilitarismus sind ein interessantes Thema, das aber den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

Im 1. Weltkrieg und den Jahren danach war der gesamte Karneval verboten, Ende der 20er und in den 30er Jahren gab es neben den anderen Zügen auch wieder kleine Geisterzüge, auch unter den Nazis mit ihrem Hang zu Fackelumzügen. Allerdings hatten diese Zwischenkriegsgeisterzüge keine große Resonanz.

50erIn den 50er Jahren gab es 3 Jahre lang den Versuch, die Geisterzüge als Ehrenbezeugung gegenüber dem jeweiligen Dreigestirn wiederaufleben zu lassen. Ein Flop.