Der Ähzebär

Wer ist der Ähzebär?

 

Aehzebaer„Sid mir nit kott, wanns ich mich präsenteer, ich bin dr Ähzebär un jon jitz öm.
Et jitt mich allt zick ärch langer Zick, jov manch-eim Spaß un Freud“
(sehr freie Übersetzung der ersten Strophe des Liedes „Sympathie for the devil“ der Rolling Stones) 

 

Wir Macher des Kölner Geisterzuges haben den Ähzebär als Maskottchen auserkoren und zum Namenspatron unseres Vereins gemacht.

Der Ähzebär ist die älteste bekannte Karnevalsmaske und stellt den Winter höchstpersönlich dar.
Sowohl Pflanzen- als auch Tierwelt sind im selben Kostüm dargestellt. Das „Fell“ wird aus Erbsenstroh um den Kostümierten gewickelt.

Aus dieser Ganzkörpermaske haben sich viele andere Masken entwickelt, je nachdem, was an Materialien zur Verfügung stand. Ein paar Beispiele:
a) Im Allemannischen gibt es in Weinbaugebieten dicht mit Schneckenhäusern besetzte Kostüme.
b) Kölner Schneider benutzten statt des Erbsenstrohs kleine Stoffreste und erfanden somit den Lappenclown.
c) In Teilen der Eifel gab es den Köckemann, der mit Tannenzapfen behangen war (Köcken ist ein kaum noch benutztes Wort einiger Eifler Dialekte und bezeichnet Tannenzapfen).
d) Der Nubbel wurde aus der Strohhülle entwickelt, die vor den Dörfern verbrannt wurde. Man wünschte sich dazu Wind, damit die Asche möglichst weit flog und entsprechend viele Felder fruchtbar machte.
Diese Form, Vegatationsgeister und Götter zu beeinflussen, ist vorchristlich, sie dürfte schon von der vorkeltischen Urbevölkerung übernommen worden sein.
In manchen Orten heißt er Zacheies, Peijaß, Hoppeditz, Lazarus, Bacchus oder Strohbär (Erläuterungen zu den einzelnen Namen s.u.).
Die Umzüge der Ähzebären haben im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Varianten entwickelt:
a) Oft zieht der Ähzebär mit wenigen Freunden, meist Musikern durchs Dorf und bettelt um Lebensmittel, Geld u.ä.
b) Noch öfter bettelt er nicht, sondern fordert, darf teilweise auch nicht daran gehindert werden, in die Häuser zu gehen.
c) Teilweise wird er auch wie ein mittelalterlicher Zirkusbär an einer Kette oder Bändern durchs Dorf geführt,
d) diese Bänder werden teilweise von der jeweiligen Ehefrau o.ä. gehalten.
e) Nicht immer geht der Ähzebär aufrecht, manchmal geht er auf allen Vieren.

f) Mancherorts tritt der Ähzebär gemeinsam mit einem in Efeu gewickelten Partner auf, er symbolisiert den Winter, der Andere den Sommer. Zwischen ihnen gibt es Scheinkämpfe, deren letzter mit dem Sieg des Sommergeistes enden muss. Diese Form wird z.T. nicht auf Karneval, sondern Lätare oder noch später aufgeführt und endet manchmal damit, daß der Wintergeist in einen See o.ä. gestoßen wird.

g) Bei Umzügen während der Rauhnächte (d.h. „zwischen den Jahren“, also zwischen Heiligabend und Dreikönigen) zog der Ähzebär in vielen Gebieten Deutschlands zusammen mit Schimmelreiter, Klapperbock, Schnappesel und anderen Zwölftenmasken durch die Dörfer.
h) Manchmal begleitet der Ähzebär anstelle von Hans Muff (hochdeutsch: Knecht Ruprecht) den Nikolaus.

Ist der Ähzebär im Weihnachtsumfeld eher eine Nebenfigur, so ist er auf Karneval der Mittelpunkt:

i) Er darf brüllend durch die Gegend toben, wie in b) beschrieben fordern, die kultische Verbrennung zeichnet ihn vor gewöhnlichen Sterblichen aus, da er wie Phönix aus jeder Asche wiedergeboren wird und somit unsterblich ist.

j) In wenigen Orten werden dem Träger des Ähzebärkostüms Bretter unter das Stroh gebunden, da die Bevölkerung ihn prügeln darf. Die etwas herbere Methode, Körperkontakt zu einem höheren Wesen zu finden.

k) In vielen Orten wurde versucht, dem Ähzebär Stroh auszureißen, das den Hühnern und Gänsen in die Nester gelegt wurde. Ein alter Fruchbarkeitszauber, der Ähzebär kann also segnen wie jeder andere Priester auch.

l) In Erntebräuchen kam der Ähzebär auch vor:
wer als letzter mit dem Ausdreschen fertig war, musste in dem Kostüm auftreten, manchmal noch mit Hörnern auf, manchmal musste er aus einem Brunnen saufen oder landete selber im Wasser, manchmal wurde er im Erntezug gabenheischend vorgeführt.

m) Eine andere Variante ist die Strohpuppe zur Kirmes, die die Schirmherrschaft über das Fest übernimmt und am Ende feierlich verbrannt wird.

Der ÄhzebärDie einzelnen Namen:
Ob die Figur früher Zacheies oder Peijaß genannt wurde, hing davon ab, ob der jeweiligen Dorfgemeinschaft das Fertigungsmaterial oder der kirchliche Bezug wichtiger waren.

Zacheies: nach Zachäus, dem Oberzöllner von Jericho, wurde die Kirmespuppe ”Zacheies” genannt. Der spätere Begleiter von Petrus und Bischof von Palästina kletterte zwecks besserer Sicht beim Durchzug Jesu auf einen Feigenbaum. Die Puppe wird zur Kirmes an einem Baum, einer hohen Stange, der Kirmeszeltspitze oder am Wirtshaus, in dem der Kirmesball gefeiert wird, befestigt.

Peijaß: frz. paillasse, ital. pagliaccio bedeutet Strohsack, Bajazzo, Hanswurst, Clown, durch Strohausstopfungen dickwanstiger Possenreißer.

Nubbel: an Rhein und Mosel ist dieser Name für Personen üblich, deren Identität nicht preisgegeben werden soll (”Wä hät dat jemaat?” ”Dr Nubbels Chris vum Nümaat!”). Die genaue Herleitung ist nicht bekannt, vermutlich ist es eine Nebenform von ”Nümmes” (= Niemand). Damit wäre der Wintergeist ähnlich dem Teufel eine Person, deren wirklicher Name nicht ausgesprochen werden durfte, da sonst die Gefahr bestand, dass er sich gerufen fühlte und kam.

Hoppeditz: diese in Düsseldorf gebräuchliche Bezeichnung ist für Anfang des 19. Jahrhunderts auch für Köln belegt und bedeutet ”hüpfendes Baby”. ”Ditz” bedeutet Säugling, übertragen auch Puppe. Nicht überall wird sie zur Beerdigung würdevoll auf einer Bahre getragen, sondern macherorts (z. B. noch in der Schweiz und Jülich) auf einem Tuch. Durch rythmisches Spannen und Lockerlassen des Tuches wird die Figur geprellt, d.h. in die Luft katapultiert, sie ”hüpft”. Im Mittelalter war dies eine übliche Strafe, die bis zum Tode durchgeführt werden konnte.

Lazarus: unter dem Namen des Patrons der Aussätzigen und Krankenhäuser wird in Jülich die Puppe in der Rur ertränkt und mit ihr alle eigenen Krankheiten weggespült.

Bacchus: der Name des griechischen Wein- und Vegetationsgottes (eigentl. Dionysos Bakchos) wurde nicht bereits in römischer Zeit, sondern erst im Mittelalter mit Karneval in Verbindung gebracht. Die orgiastischen Bacchanalien bestanden aus mehreren Festen, die ab etwa 600 v. Chr. von Dezember bis März in Athen gefeiert wurden und sich über ganz Griechenland und Italien ausbreiteten. Wohl auch wegen der sexuellen Freizügigkeit, aber vor allem wegen möglicher Umsturzgefahren verbot der römische Senat 186 v. Chr. diese Feiern für alle Zeiten und richtete etwa 7.000 Priester und Funktionsträger hin. Der Mittelalterliche Klerus fürchtete das hiesige Winteraustreibungsfest und verwendete den Titel ”Bacchanalien” als bewußte Diffamierung.

Strohbär: das Füllmaterial der Puppe ist namensgebend. ”Bär” erinnert daran, dass diese Puppe einen umherlaufenden Erbsenbär darstellt.

Quellen (Auswahl):

– Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.), Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Berlin 1929, Bd.2 Sp.885ff, Bd.6 Sp.950ff, Bd.7 Sp.307,Bd.9 Sp.979ff, u.a.
– Adam Wrede, Neuer Kölnischer Sprachschatz, Köln 1956, Bd. 1 S.21, S.138, Bd.2 S.135, S.239, S.241, S.290, Bd.3 S.299
– Rolf Dettmann + Matthias Weber, Eifler Bräuche, Köln 1981, S.32ff, S.132ff
– Günther Meinhardt, Frohe Feste und alte Volksbräuche im Eichsfeld, Gudensberg-Gleichen 1986, S.46f
– Adolf Spamer, Deutsche Fastnachtsbräuche, Jena 1936, S.58
– Dietz-Rüdiger Moser, Fastnacht, Fasching, Karneval; Graz Wien Köln 1986, S.328, S.333
– Josef Klersch, Die kölnische Fastnacht, Köln 1961, S.20